Project Name

  • 1

Die Macht der Gewohnheit

Alt-Text

Thomas Bernhard   
Seit 22 Jahren versucht Zirkusdirektor Caribaldi
seine Zirkuskünstler zu dressieren, Schuberts »Forellenquintett« zu spielen.

Täglich zwingt er sie an die Instrumente. Aber seit 22 Jahren werden die Proben regelmäßig zum Desaster. Denn die Artisten
sind Meister der Sabotage der täglichen Quintett-Tortur und entwickeln eine hohe Kunstfertigkeit darin, keine hohe Kunst
machen zu müssen. Rücksichtslos bringen sie Caribaldi zur Verzweiflung, rücksichtslos geht er gegen ihre Rücksichtslosigkeit
vor. Für den Geistesmenschen Caribaldi ist ihre Geistesschwäche eine bodenlose und ihre Impertinenz eine unbeschreibliche;
sie sind für ihn rettichfressende, biersaufende, haubenverlierende, nasebohrende, permanent das Quintettspiel
verhindernde, niederträchtige, kulturlose Banausen.  

Caribaldi ist unbarmherzig genau und er beherrscht seine Artisten; jeder Bogenstrich muss sitzen und ein Caribaldi-freies
Leben der Künstler ist nicht denkbar. Eine Hoffnung (ähnlich wie Tschechows »Drei Schwestern« einst von Moskau träumten)
hat er: »Morgen Augsburg«. Doch auch diese Utopie verändert sich nach und nach in bittere Erkenntnis, dass es sich
dabei um nichts anderes als eine »stinkende Lechkloake« handelt.

Fazit: Auch wenn »wir das Leben nicht wollen – es muss gelebt werden«.



Zurück